Panikattacken einer jungen Mama

Monatelang freut sich die werdende Mutter auf ihr kleines Bündel Glück. Die Geburt läuft aber nicht so wie geplant und die Psyche „versagt“ plötzlich. Der harte Weg zurück in ein einigermaßen normales Leben einer Jung-Mama.

Wir bekommen ein Baby

Dieser Satz verändert dein ganzes Leben – egal ob Du die Mama oder der Papa bist. Auch mein Leben hat er verändert, vor gut einem Jahr. Unser Sohn war nicht geplant, ist aber ein Wunschkind. Ein ungeplantes Wunschkind eben!

Nachdem sich der erste Schock über den Familienzuwachs gelegt hatte kam die ganz große Freude. Es stimmt nämlich, dass Vorfreude die schönste Freude ist! Ich ging völlig in meiner mommy to be Rolle auf: Ich häkelte, strickte, bastelte und shoppte wie eine Verrückte. Ich lernte (zumeist online) andere werdende Mütter kennen und verbrachte die Schwangerschaft mit Kaffee, Klatsch und Kindertalk. Das war die schöne Seite. Genauso wie der kugelrunde Bauch – was habe ich den geliebt! Schließlich wohnte da drin mein größter Schatz.

Aber wie alles im Leben hat auch so eine Schwangerschaft ihre Schattenseiten. Angefangen von fast unerträglichen Rückenschmerzen, bis hin zu unerklärlicher Wut auf bestimmte Menschen und gipfelnd in den fast unerträglich dämlichen Sprüchen zu meinem riesigen Bauch. Jede Schwangere kennt das und nickt jetzt eifrig.

Die Traum(a)geburt

Für die Geburt hatte ich dann einen sehr genauen Plan. So wie jede werdende Mutter wahrscheinlich. Meinen Geburtsplan gab ich Wochen vor der Entbindung in der Klinik ab und eine Hebamme hatte ich schon in der 12. Schwangerschaftswoche „reserviert“. Und auch die Geburt sollte einfach perfekt werden. Interventionsarm, ohne PDA (eine rückenmarksnahe Anästhesie), am liebsten im Wasser. Keinesfalls einen Kaiserschnitt. Soweit der Plan. Die Realität war eine völlig andere. Mein Sohn und ich hatten gar nicht erst die Gelegenheit, alles einfach geschehen zu lassen. Interventionsfrei. Es war das völlige Gegenteil und darunter leidet man.

Man fühlt sich als Versager.

Nach drei Tagen der Einleitung, angeordnet von Ärzten, die der Meinung waren unser Kind wäre gigantisch groß (war er nicht!!) war ich am Ende meiner Kräfte. Nichts schien sich zu tun, trotz einem Großaufgebot an Medikamenten. Am Ende wurde wirklich alles getan, was ich nicht wollte. Details erspare ich an dieser Stelle. Irgendwann war der Muttermund (durch schiere Gewalt) dann doch bei 9cm und ich sollte pressen. Also presste ich. Ich presste wie ich noch nie in meinem Leben gepresst habe und ich schrie um mein Leben. In diesem Moment war für mich völlig klar, dass ich sterbe. Ich bin sicher, auch dieses Gefühl können sehr sehr viele der Gebärenden nachvollziehen. Doch selbst die Hebamme erschrak sich über meine extreme Reaktion und wir brachen ab. Drei Tage nach Beginn der Einleitung und rund 15 Stunden nach Blasensprung. Zu diesem Zeitpunkt war ich gut 60 Stunden wach und der letzte Ausweg hieß Kaiserschnitt.

Alle Beteiligten wussten um meinen Wunsch einer natürlichen Geburt und vor allem um meine Angststörung. Ja, ich leide an einer Angststörung. Seit nunmehr 7 Jahren schon. Erschwerte Bedingungen also für alle Beteiligten! Eine Patientin die non stop denkt, sie würde sterben macht einem jungen Assistenzarzt deutlich mehr zu schaffen, als eine schnelle einfache Spontangeburt. Aber alle wussten Bescheid und alle haben einen sensationellen Job gemacht. Die Hebamme, die ein so gütiges, warmes, weises Lächeln hatte und mir versprach auf meinen Sohn aufzupassen. Die Anästhesistin die so schön war und so lieb. Die mir immer und immer wieder gesagt hat, dass ich nicht sterben werde. Und die mir die tollen Medikamente gegeben hat, damit ich nicht wieder das Bewusstsein verliere.. Und mein Freund, der einfach da war. Der – als es „vorbei“ war – unseren Sohn eine gefühlte Ewigkeit einfach im Arm hielt.

Die OP verlief erfolgreich, wenn auch kompliziert und mit hohem Blutverlust. Mein Kreislauf spielte dabei einfach nicht mit. Immer wieder wurde ich bewusstlos, ich war am Ende meiner Kräfte. Kurz vor Abschluss der OP wurde die Oberärztin hinzugezogen und als man schon Alarm schlagen wollte, da ich wieder weggetreten war merkten sie, dass ich einfach eingeschlafen war. Meinen Sohn konnte ich kaum wahrnehmen. Das bricht mir immer wieder das Herz. Ich wusste, dass er nun geboren war und mir war wichtig, dass es ihm gut geht. Aber ich hatte keine Kraft für mehr. Ich sah ihn zuerst nur kurz aus dem Augenwinkel. Blau, schmierig und mit verformten Kopf. Auch er hat kämpfen müssen. Mein kleiner, starker Junge.

In der Babyblase

Irgendwann war ich endlich zugenäht und man gab mir noch ein bisschen mehr von den schönen Drogen. Es war toll! Ich hatte keine Schmerzen und endlich konnte ich meinen wundervollen Sohn kennenlernen.

Meine erste schöne Erinnerung ist, als er an mein Gesicht gehalten wurde und plötzlich anfing an meinem Ohr zu nuckeln. Er hatte Hunger!

Und er kam mir winzig vor. Von wegen er wäre gigantisch groß. Carl kam mit 50cm und 3.900g zur Welt. Sicher kein zierliches Baby, aber sicher auch kein überdurchschnittlich großes Kind. Dennoch, er und ich, wir passten anatomisch nicht zusammen. Das wurde mir zumindest einige Tage später erklärt. Aber es war okay, denn ich war einfach wahnsinnig verliebt in ihn. Ich fühlte mich einfach nur großartig! Strahlend schön, stark und mächtig stolz auf mich. In der Realität – mit etwas Abstand betrachtet – sah ich einfach schrecklich aus. Ein Schatten meiner Selbst, einfach nicht mehr ich. Dreißig Kilo hatte ich zugenommen, mein Körper machte das nicht mehr wirklich mit.

Körperlich ging es mir allerdings schon zu diesem Zeitpunkt bescheiden. Ich hatte Schmerzen und konnte nicht schlafen. Nicht weil unser Sohn nachts viel geweint oder schlecht getrunken hätte – nein! Der Moment des Einschlafens fühlt sich leider an, wie der Moment in dem man bewusstlos wird und das hielt ich einfach nicht aus. Jedes einzelne Mal schreckte ich panisch hoch. Drei Tage lang ging das so, bis zu meiner Entlassung. Wir waren sicher, zuhause würde es besser klappen. Tat es nicht. So glücklich ich war, so überfordert war ich. Meine Narbe tat weh, meine Brust schien zu platzen, aber meine Hebamme war ein Segen. Sie war es auch, die spät Abends darauf bestand mich zurück ins Spital zu schicken, als ich sie einige Tage nach der Entlassung völlig panisch anrief.

Zurück auf der Wochenbettstation – Psycho Mom

Was dann folgte war für mich mein persönlicher Horror. Fünf Tage nach der Geburt – genau am Vatertag – musste ich zurück in die Klinik. Dieses Mal wegen psychischer Probleme. Was war passiert? Nicht viel im Grunde! Mein Magen machte plötzlich Probleme und ich konnte weiterhin nicht schlafen. Unser Baby war unwahrscheinlich lieb, mein Freund versuchte alles um mich zu unterstützen, aber ich bekam Panik. Die wahnsinnige Angst davor meinen Sohn nicht mehr versorgen zu können brachte mich schier um den Verstand. Ich war sicher, ihm würde wegen mir etwas zustoßen.

Nicht eine Sekunde war das Problem fehlende Liebe. Es war eher die Intensität der Liebe zu ihm, die mich fast in den Wahnsinn trieb. Bis heute kann ich nicht ganz genau erklären, vor was ich Angst hatte. Fakt ist aber (und nur das ist bei einer Angststörung in diesem Moment von Belang) ich hatte Todesangst! Eine Panikattacke fühlt sich für den Betroffenen so unglaublich real an! Im Moment einer Attacke denkt man nicht nur, dass man stirbt, man weiß es. Es ist so sicher, wie das der Himmel blau und das Gras grün ist. DU. STIRBST. JETZT.

Mein Partner tat was er konnte, redete beruhigend auf mich ein, hielt mich im Arm, aber es half nichts. Rein gar nichts und niemand konnte mir in dem Moment helfen. Außer mein Baby.. Ich erinnere mich genau an diesen Abend, zumindest an Teile davon. Ich erinnere mich, dass mein Baby mich brauchte, es brauchte eine neue Windel und ich kümmerte mich wie selbstverständlich darum. Für einen kleinen Moment dachte ich, alles wird gut, „du packst das“. Kaum war ich fertig mit der Windel, traf mich wieder dieser Schlag in den Magen, das Zittern kam zurück und die Kälte. Dieses kalte Kribbeln am Rücken ist für mich das Schlimmste. Ich hasse das. Und ich wusste, ich komme da nicht alleine raus, ich muss etwas tun. Also rief ich meine Hebamme an. Donnerstagabend, 21 Uhr und sie hat niemanden der auf ihr Kind aufpassen kann. Sie merkte schnell, wie ernst die Lage ist, packte ihr Kind ein, kam zu uns und schickte mich umgehend zurück ins Spital. Ich war am Ende. Die Verzweiflung kann sich kein Mensch vorstellen, der es nicht erlebt hat. Ich habe versagt, völlig versagt. Ich bin eine furchtbare Mutter, ein schlechter, schwacher Mensch. Und überhaupt, ich werde nie nie wieder froh sein.

Für all diejenigen die sich ein kleines bisschen mit Harry Potter auskennen können diese Analogie vielleicht verstehen: Eine Panikattacke und die damit einhergehende depressive Episode fühlt sich an, wie ich mir eine Dementoren – Attacke vorstelle.

Auf der Station angekommen hat man sich, soweit ich mich erinnern mag, sehr gut um mich gekümmert. Es kamen die verschiedensten Ärzte zu uns, von der Gynäkologin, über Kinderärzte und den psychologischen Notdienst. Der Arzt war sehr nett, auch wenn er mir erklärte, dass ich ohne Tabletten nicht wieder auf die Beine kommen werde. Er riss mir einmal mehr den Boden unter den Füssen weg. Aber ich ergab mich, ich war einfach nicht mehr in der Lage zu kämpfen. Ich nahm die Tabletten und fühlte mich elend damit. An viel mehr kann ich mich nicht erinnern. Mein Freund war bei mir, das war gut, aber der Rest ist irgendwie verschwommen, ich fühle mich im Nachhinein wie in Watte gehüllt. Nichts drang so richtig zu mir durch. Unser Sohn war weiter toll, er war so unglaublich brav und lieb. Nur alleine schlafen, das mochte er schon da nicht. Also hielt ich ihn im Arm, jede Nacht (und das tue ich bis heute).

Nach 4 langen Tagen ging es mir nur sehr langsam besser. Zwar durfte ich das Zimmer jederzeit (nach Abmeldung beim Pflegepersonal) verlassen, wohl war mir dabei aber nicht. All die glücklichen Mamas, gezeichnet von der kürzlich überstandenen Geburt kamen mir so angeberisch vor. Als würden sie sagen „Schau her! So macht man das. Man freut sich gefälligst über dieses kleine Wunder und bekommt nicht plötzlich einfach Todesangst. Was erlaubst du dir?!“.   Also blieb ich die meiste Zeit in meinem Zimmer, aß weiterhin nicht und versank in Selbstmitleid. Bis zu dem Tag, an dem ich beschloss offen damit umzugehen und mich jemandem aus meinem Privatleben anzuvertrauen. Ich rief also eine gute Bekannt an, ähnliches Alter, ähnliche Geschichte. Selbst genau 1 Jahr zuvor Mutter geworden litt auch sie unter grässlichen Panikattacken und starken Selbstzweifeln. Dieses Gespräch hat mich vielleicht gerettet. Das Verständnis und die wirklich hilfreichen Tipps und Denkanstöße (JA! Die gibt es!) haben dazu geführt, dass ich 2 Tage später entlassen werden konnte und mich besser fühlte. Viel besser!

Der lange Weg zurück ins Leben

Heute geht es mir gut und das ist viel mehr, als ich je zu hoffen gewagt habe. Nach dem Krankenhausaufenthalt startete ich sofort mit einer ambulanten Therapie in einer integrierten Psychiatrie die auf weibliche Patienten im Allgemeinen und Mütter im Speziellen da ist. Die wöchentlichen Termine helfen mir nach wie vor sehr und ohne die Therapie wäre ich nicht wieder auf die Beine gekommen. Der erste Schritt zurück gelang mir, als ich 11 Tage nach der Geburt wieder richtig essen konnte. Ich hatte mich endlich auch meiner Mama anvertraut, sie kam sofort den über 300km langen Weg zu mir und mir ging es schlagartig besser. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt 17kg verloren, 11kg davon innerhalb von 8 Tagen.

Und dann habe ich mich entschieden offen zu sein, richtig offen und ehrlich. Mein Instagram Account, den ich zu Beginn der Schwangerschaft gestartet hatte, zeigte bisher nur eine hauptsächlich schöne, wenn auch anstrengende und teilweise schmerzhafte Schwangerschaft – immer mit einem Lächeln. Als ich aber nach der Geburt recht wenig aktiv war, fingen die Fragen an. So viele fragten mich, ob es dem Baby gut ginge, ob etwas passiert wäre, was denn los ist. Keiner fragte so wirklich nach mir, denn keine ahnte, wie schlecht es mir ging. Als ich genau 14 Tage nach der Geburt den Post mit meinem Geständnis verfasste war das Feedback überwältigend! Nicht nur die Kommentare, sondern vor allem die vielen vielen Nachrichten von Frauen, denen es wie mir ging, die sich aber nicht trauten dazu zu stehen. Das fand ich erschreckend. Noch erschreckender fand ich aber die Gründe die sie dazu bewegten, nichts zu sagen.

  • Scham vor Familie, Partner und (Instagram-)Freunden
  • Angst vor Kindesentzug aufgrund einer „psychischen Störung“
  • Die Befürchtung, der Partner könnte sie verlassen

All diese Ängste kann ich verstehen, hatte ich doch all diese Ängste selbst. Gerade die Angst vor dem Kindesentzug kann ich an dieser Stelle aber jeder Mama und jedem Papa nehmen.

Niemand wird euch euer Kind wegnehmen – schon gar nicht, wenn ihr euch Hilfe nehmt. Ganz im Gegenteil!

Mom; ist mein zweites Baby

Die Idee hinter Mom; (gesprochen Momi) ist es, anderen Betroffenen zu vermitteln, dass sie nicht alleine sind #wirsindviele. Ich wollte über meine Geschichte reden, Aufmerksamkeit für das Thema schaffen. Vielleicht kennt man #thesemicolonproject das sich an Menschen mit Suizidgedanken richtet. Mein Gedanke war: ich bin eine Mama – eine Mom – ich werde nicht aufgeben und dann war da einfach die Idee diese beiden Dinge zu verknüpfen und zack – war Mom; geboren. Und da es ein bisschen wie Momi aussieht, entstand daraus momilabel.

Auf Instagram gibt es das Label nun seit August 2018 und die Reaktionen sind überwältigend. Angefangen hat alles mit einem SuperMom; Shirt. Ein simples, weisses Shirt mit rotem Druck. So einfach, und doch so viel mehr für viele Frauen. Und dann ist da das Shirt für all die Frauen, die ein Kind gehen lassen mussten und nun auch ein sichtbares Kind bei sich haben. Ich selbst musste dieses Leid nicht erfahren, durch den Austausch mit Regenbogenmüttern ist dieses Thema aber zur absoluten Herzensangelegenheit geworden.

Wichtiger als ein paar hübsche Shirts ist aber der Austausch, der Zusammenhalt und – so kitschig das klingen mag – das Gemeinschaftsgefühl. Bei momilabel wird sich ausgetauscht, vernetzt und Liebe wie Konfetti verteilt. Der Begriff „Mutterliebe“ wird neu definiert. #fürmehrliebeuntermuddis

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