Wenn Mama mit dem Körper kämpft

Es war der Sommer im Jahr 2007, als ich mich das erste Mal in stationärer Behandlung befand… 11 Jahre später ist Anne schwanger und liebt jedes neue Kilo!

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eine Geschichte von Versöhnung – von Anne

„Ich heisse Anne, bin 14 Jahre alt und hier weil ich magersüchtig bin.“

Sommer 2007

Es war der Sommer im Jahr 2007, als ich mich das erste Mal in stationärer Behandlung befand. Nach 1,5 Jahren, in denen sich die Magersucht in mein Leben geschlichen hatte, saß ich nun in einem Stuhlkreis in der Gruppentherapie.

Nichts ahnend welcher Weg noch vor mir lag.

Diese erste Therapie schlug jedoch fehl. Mir ging es nach 3 Monaten Behandlung zwar zunächst besser, doch dann folgte kurz darauf auch schon der Rückschlag. Ich aß so wenig wie nie zuvor, trieb Sport bis zu völligen Erschöpfung und hungerte mich immer weiter herunter. Für den Schulbesuch reichte meine Kraft nicht mehr aus und ich verbrachte meine Tage zu Hause gefangen im Kreislauf der Mager- und Sportsucht.

Im Sommer 2008 folgte mein zweiter stationärer Aufenthalt in der Klinik. Ich wehrte mich anfangs heftiger denn je gegen die Therapie und nahm trotz Behandlung weiter ab.

Bis mein Körper begann erste Funktionen einzustellen.

Auf einem Ohr hörte ich plötzlich kaum mehr etwas und hatte zudem Ausfallerscheinungen auf einem Auge. Die Nächte waren quälend, ich konnte nicht mehr schlafen, da ich nur noch auf Knochen lag und meine Beine dadurch einschliefen, zudem fror ich die ganze Zeit, obwohl Hochsommer war.

Anne im Juli 2008 mit ihrem Papa

Die Nacht die alles änderte..

Ich wollte nicht einsehen, dass ich krank war und dann gab es diese eine Nacht, die Nacht, die alles ändern sollte und mir im Nachhinein das Leben gerettet hat.

Ich lag im Bett und hatte das erste Mal nach 2,5 Jahren Krankheit Angst vor dem Sterben, unglaublich große Angst. Plötzlich fühlte mich dem Tod näher als dem Leben. Ich glaubte am nächsten Morgen nicht mehr aufzuwachen, weil mein Herz keine Kraft mehr hatte. Weil ICH zu weit gegangen war.

Der Tod kann angsteinflößend sein und das Einzige was ich niemals wollte war, zu sterben. Ich wollte leben und somit begann ich endlich dafür zu kämpfen.

Der Weg zu einem gesünderen Ich war weiterhin steinig und sehr lang. Wieder blieb ich 3 Monate in der Klinik, ich nahm nicht viel zu, aber ich schaffte es regelmäßig, wenn auch sehr kontrolliert zu essen und nicht mehr zwanghaft Sport zu treiben. Nach diesem Klinikaufenthalt absolvierte ich die 10.Klasse auf einem Gymnasium und entschied mich gegen aller Erwartung, das Abitur nicht zu machen. Die Schule zog mich immer wieder zurück in alte Muster und ich wusste, es war das Beste für mich und meine Gesundheit einen Schlussstrich unter dem Kapitel Schule zu ziehen. Statt des Abiturs war es mein Plan Konditorin zu werden und wie es das Schicksal wollte, bekam ich die Zusage für eine Ausbildungsstelle in einer Konditorei auf Sylt.

Fernab von zu Hause, von der Umgebung, die es mir immer noch oft schwer machte gesund zu werden aufgrund all der Erinnerungen, begann ich einen neuen Lebensabschnitt. Mit 16 Jahren zog ich von zu Hause aus. Die körperliche Arbeit tat mir wahnsinnig gut, denn sie machte mich hungrig und ich schaffte es regelmäßig zu essen.

Viele Muster blieben, doch ich hielt mich über Wasser, wurde nicht rückfällig.Ungefähr 3 Jahre später trat mein Freund in mein Leben. Mein erster Freund. Vorher hatte ich niemanden an mich heran gelassen. Er zeigte mir, dass ich geliebt werden kann, dass ich liebenswert bin. Wir aßen zusammen, ich begann mich von ersten Zwängen zu trennen, mit seiner Hilfe. Was lange blieb war trotzallem die Kontrolle, ich kontrollierte immer was ich aß, dachte weiterhin viel darüber nach. Genuss war unmöglich. Sport gehörte auch zu meinem Alltag. Nach meiner Ausbildung zur Konditorin entschied ich mich nach einem Jahr im Job für eine weitere Ausbildung. Ich wollte Erzieherin werden und gehe bis heute sehr in diesem Beruf auf, es war eine Herzensentscheidung.

Neben meiner Vollzeitwoche in einer Kindertagesstätte ging ich 4 Mal die Woche zum Krafttrainig, dabei tat es mir weiterhin gut zu trainieren bis ich Schmerz fühlte. Ich ernährte mich gesund, zwanghaft gesund, verzichtete auf Weizen und Zucker, erlaubte mir keine Ausnahmen. Am Wochenende ging ich Babysitten, eröffnete einen kleinen Onlineshop für Selbstgenähtes und war für ein Networkmarketingunternehmen tätig. Meine Woche war voll, ich brauchte das, immer in Bewegung zu sein, Stress zu haben, um bloß nicht zur Ruhe kommen zu können.

2018
Anne ist schwanger!

Ein völlig neues Körpergefühl

Im Jahr 2017, zehn Jahre nach meinem ersten stationären Aufenthalt, wurde bei uns das Thema Kinderwunsch präsent. Schon immer wollte ich gern jung Mama werden, eine Familie gründen. Die Angst, ich könnte aufgrund der jahrelangen Krankheit und Unterernährung überhaupt niemals schwanger werden war sehr groß.

Ich startete in die Kinderwunschzeit mit, man könnte es ahnen, Kontrolle. Mein Zyklus sollte penibel überwacht werden, ich habe meine Basaltemperatur gemessen, Ovulationstests gekauft, jedes Ziepen notiert.  So klappte es erst einmal natürlich nicht mit einer Schwangerschaft. Ich schraubte mein Sportpensum herunter, ernährte mich nicht mehr zwanghaft, erlaubte mir auch mal Ausnahmen, um mein Stresslevel herunterzufahren. Vier Monate später durfte ich einen positiven Schwangerschaftstest in der Hand halten und eine aufregende Reise begann. Eine Reise, die mich so nah zu mir selbst führen sollte, wie ich es noch nie zuvor war.

Anne während ihrer Schwangerschaft 2018

Ich begann meinen Bauch zu lieben, diese Rundung, die wuchs und meinen größten Schatz bewachte. Zog ich den gehassten Bauch zuvor jahrelang ein, so war ich jetzt stolz. Das erste Mal in meinem Leben war ich stolz auf meinen Körper, er ließ mein Kind heranwachsen, obwohl ich ihm jahrelang so viel Schlechtes angetan hatte.

Die Gewichtszunahme war für mich immer wieder eine Herausforderung, besonders an dem Punkt, wo ich mehr wog als je zuvor in meinem Leben. Aber ich wusste, dass es die Zunahme wert war. Ende Mai 2019 wurde unser Sohn geboren und mit der Geburt verschob sich mein Fokus weg von mir selbst hin zu ihm. Er steht nun seit fast einem Jahr an erster Stelle.

Mein Körper hat sich verändert, da ist nun kein Sixpack mehr, da ist mehr Hüfte, mehr Bauch, mehr Haut, aber jetzt gerade ist das okay! Ich genieße es aktuell keinen Sport zu machen, das erste Mal seit Jahren zwinge ich mich nicht zum Sport, wenn ich keine Energie für ihn habe. Jeder Moment gehört aktuell dem Kleinen, gehört uns als Familie.

„ich schaue aktuell einfach nicht zu genau hin..“

Vor ein paar Wochen stand ich in Unterwäsche in einer Umkleidekabine und sah mich im Spiegel. Bis heute gefalle ich mir nicht, doch hätte mir dieser Anblick vor 2 Jahren in ein tiefes Loch gezogen, mich das Essen für den Tag streichen lassen, so schaue ich aktuell einfach nicht zu genau hin und sage mir, du bist gut so wie du bist!

Ich habe durch das Mamasein gelernt mich nicht nur über meinen Körper zu definieren. Ich bin mehr wert! Ich bin Mama!

Was mir die Magersucht beigebracht hat?

Lebensfroh zu sein, dieser Tiefpunkt, die Krankheit, haben mir gezeigt wie lebenswert mein Leben ist. Und mutig zu sein, wenn mich etwas unglücklich macht, versuche ich es zu ändern. Auch wenn der Weg lang und hart sein mag, er lohnt sich. Das weiß ich jetzt!

Anne in unserem Shirt, 2019, strahlen schön und happy


Liebste Anne – DANKE für deinen wunderbaren Artikel und DANKE für deine Offenheit. Wir sind immer dafür, dass auch „unbequeme“ Themen angesprochen werden. Schön, dass Du zusammen mit uns laut bist. Du rockst!


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