Bitte – werd nicht fett.

Als Lisa Mutter wird, sieht sie sich plötzlich mit den Dämonen ihrer Kindheit und Jugend konfrontiert. Selbst ein – wie sie sagt – dickes Kind und nun die Angst davor, dass ihrer Tochter das gleiche Schicksal blüht. Aber was ist DEINS und was ist MEINS? Lest hier, wie zerrissen man sein kann und wie konstruktiv man dennoch damit umgehen kann.

„Im Februar 2018 wurde ich Mutter einer Tochter. Das was ich mir seit so vielen Jahren gewünscht hatte ging in Erfüllung. Und mit dieser Erfüllung kam das kalte Wasser in das man unweigerlich fällt, sobald das eigene Kind das Licht der Welt erblickt. Denn nichts und niemand kann einen vorbereiten. Nicht auf die Liebe, das Glück, den Schmerz, die Selbstzweifel und die häufige Verzweiflung. Und da ist noch etwas anderes auf das einen niemand vorbereiten kann. Die eigenen Gefühle, die unglaublich tief vergraben waren. Die im dunkelsten Eck unserer Seele schlummern wo unser kindliches ICH sie abgelegt hat um sie nie mehr erleben zu müssen.

Dieses Bild zeigt Lisa, ca. 1 Jahr.

Wo fängt man an wo hört man auf, wenn das Kind Erinnerungen aus der eigenen Kindheit hervorbringt, die man lange zu verdrängen geschafft hat. Das Kind tut etwas und plötzlich überkommt einen eine Wut, Traurigkeit oder Angst die man nie zuvor gekannt hat. Die man kaum in den Griff bekommen kann und man erschrickt über sich selbst. Über die Wucht der Gefühlswelle von der man überrollt wird. Ich bin überzeugt, dass uns in diesem Moment unser inneres Kind einholt und alles herausschreit was so lange im verborgenen lag. Zum Teil sind die Gefühle undefinierbar, an keine bestimmte Erinnerung geknüpft. Und dann gibt es diejenigen die man genau zuordnen kann. Die wie Flashbacks zutage fördern, was verloren geglaubt war.

Ich sehe mich als Kind. Ein dickes kleines Mädchen, das immer nur gegessen hat.

Lisa, Mama eines kleines Mädchens

Und ich meine wirklich immer. Aus dem was anfänglich noch niedlicher Babyspeck war wurde ein dickes Kleinkind und ein noch dickeres Schulkind. Und ich sage es wie es ist: als Kind und Jugendliche dick zu sein war furchtbar. Kinder können grausam sein. Ich habe so viele Bilder in meinem Kopf. Ein Junge den ich mochte schrieb in mein Poesie Album über eine ganze Seite nur wie fett ich wäre. Auf dem Spielplatz wurde ich von drei älteren Mädchen im Beisein meiner kleinen Schwester verprügelt, weil ich ihnen zu dick war. Während meine beste Freundin in der Jugend einen Freund nach dem anderen hatte, war ich immer die dicke, unglücklich verliebte Freundin, die alle nur als besten Kumpel wollten. Ich könnte ewig so weiter machen. 


Und nun habe ich eine wundervolle, schöne, zuckersüße Tochter, die aussieht wie ich. Deren liebste Beschäftigung es ist von morgens bis abends zu essen. Die schon beim Essen wieder nach dem nächsten brüllt. Und so froh ich bin, dass sie gut isst, so besorgt bin ich doch auch. Ich habe Angst, dass es ihr genauso gehen wird wie mir. Denn natürlich möchte ich für sie eine unbeschwertere Kindheit und Jugend. Natürlich wünsche ich mir, dass sie die seelischen Verletzungen die mir zugefügt wurden niemals erleiden muss. Doch gleichermaßen möchte ich, dass sie weiß, dass sie perfekt ist so wie sie ist! Dass es egal ist wie viel sie wiegt, was andere sagen und denken, dass sie wunderschön und klug und humorvoll ist. Möchte ihr die Stärke mitgeben um in dieser oft so grausamen Welt für sich einzustehen. Möchte sie so perfekt sein lassen wie sie ist. Ich möchte ihr nicht verbieten zu essen und dennoch erwische ich mich täglich dabei wie ich im Kopf überschlage wie viel sie heute bereits gegessen hat und ob ich ihr nun wirklich nochmal nachgebe. Wie ich genervt bin wenn sie ständig nach etwas Neuem verlangt. Und gleichermaßen frage ich mich was ist noch „normal“ und was ist einfach „zu viel“. Und ja, sie ist noch so klein, ich weiß, es kann sich noch viel ändern doch ich selbst habe mir später immer gewünscht, meine Eltern hätten mich gebremst, statt mir alles zu geben. Hätte mir gewünscht, sie hätten mir ein gesundes Essverhalten vorgelebt und beigebracht.

Dieses Bild zeigt Lisa, mit ca. 1 Jahr.

Ich frage mich wo das hinführen wird, wenn es bald nicht mehr nur um Früchte, Brot, Nudeln etc. geht sondern Süßigkeiten ins Spiel kommen. Wie schafft man es, die eigenen Erfahrungen und Ängste abzulegen und nicht auf sie zu übertragen? Sie ihr eigenes Leben leben und ihre eigenen Erfahrungen machen zu lassen wenn man sie doch so sehr beschützen möchte? Ich gebe es offen und ehrlich zu, es fällt mir wahnsinnig schwer. Ich denke, dass sich unser Beispiel auf fast jede Familie übertragen lässt und dass wir alle unsere Päckchen mit uns tragen. Diese Päckchen die so schwer auf unseren Schultern lasten. Doch ich sehe meine Tochter, sie ist noch so klein. Ihre Schultern sind zu schwach um mir die Last zu tragen. Nicht mal ein bisschen soll sie tragen müssen. Ihr Leben ist lang, sie wird auf ihrem Weg noch so viele Pakete aufsammeln müssen. Solche die ihre eigenen sind, auf denen ihr Name steht. Niemals sollte sie zusätzlich auch noch meine mit tragen müssen.

Und so ist es meine Aufgabe, mich meiner Lasten zu erleichtern, ohne sie ihr aufzubürden. Bei mir zu bleiben, für mich zu sorgen um für sie sorgen zu können. Denn sie ist sie und ich bin ich. Zwei Individuen. 

Wir danken Lisa von ganzem Herzen für diese berührende Geschichte, den Einblick in ihr innerstes Selbst und ihren Input. DANKE LISA, dass Du ein Teil der #momination bist.

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