Mama in der Psychiatrie

Was ist passiert?

Teil I

Die meist gestellte Frage der letzten Zeit ist: „Wie geht es dir jetzt?“ und meine Antwort ist ein ganz und gar aufrichtiges „gut – wirklich gut!“. 

Die zweitmeist gestellte Frage ist: „Was ist passiert?“. Tja, was ist denn nun passiert? So ganz genau vermag ich das auch nicht zu sagen. Fangen wir damit an, dass die äusseren Umstände schwierig waren. Der Hauskauf, der an Dramatik zwischenzeitlich kaum zu überbieten war. Ich sage gerne, wenn man das bei GZSZ zeigen würde, würde es kein Mensch glauben. Es war (und ist) ein kleiner Horrortrip. Die Worte meiner Psychologin waren wörtlich: „ da würde jeder durchdrehen – auch ohne Vorerkrankung!“. Trotzdem bin ich nicht durchgedreht – ganz lange nicht. Vor etwa einem Jahr, im November 2019 war es bereits so schlimm, dass ich eine ganze Woche nichts zu mir nehmen konnte. Ich war schwach, habe fast nur geweint und mir war durchgehend übel. Aber ich habe mich gefangen. Für Carl, für mich. Als sich im Frühjahr dann der Einzugstermin immer und immer wieder verschob, Corona auf der Bildfläche erschien und ich meine Familie monatelang nicht sehen konnte, wollte ich aufgeben. Zum Glück haben wir ein paar wenige, aber dafür sehr gute Freunde, die mich wortwörtlich vom Boden aufgekratzt und uns geholfen haben. 

Foto: PIPA AND NUUK FOTOGRAFIE

Alles sollte besser werden und sich ändern, wenn wir endlich umgezogen wären. Die ersten Tage im Haus waren surreal – und wunderschön. Die Wochen vergingen, es kamen immer wieder neue Probleme und Mängel zu Tage und ich wurde schwächer. Corona in vollem Gange, ich immer auf Anschlag und Therapie (wenn überhaupt) nur noch am Telefon möglich. Am Ende habe ich mich von Tag zu Tag geschleppt. Morgens aufstehen war eine Qual, egal wie lange ich geschlafen hatte. Ich war müde – so unendlich müde. Und damit meine ich nicht das „typische“ Mama-müde. Ich meine depressiv. Nur wusste ich das nicht. Bis jetzt kann ich kaum glauben, dass ich nicht bemerkt habe (und auch sonst niemand!), dass ich schwer depressiv war. In Gesellschaft war ich gut drauf, scherzte, war laut und trank viel. Vielleicht zu viel. Für Carl hatte ich am Ende einfach überhaupt keine Geduld mehr. Egal was er machte – und er machte nichts Schlimmes – ich war so genervt. Meine eigenen Worte tun mir weh, das dürft ihr mir glauben. Ich habe mich gehasst dafür. Ich habe mich nicht getraut es anzusprechen, aus Angst verurteilt zu werden. 

am Ende.

Sprüche a la „boah ey irgendwann nehm’ ich mir nen Strick“ waren an der Tagesordnung. Ich kann das kaum aufschreiben. So sehr ich am Leben hänge, so sehr ich mein Kind und meine Familie liebe.. so kaputt und am Ende war ich. Ich wollte nicht mehr. Es sollte einfach aufhören. Trotzdem wusste ich, dass ich mich nicht selbst töten will. Das wollte ich niemandem antun, vor allem nicht meinem Sohn. Der Gedanke war unerträglich, aber ich bekam Angst. Angst davor, dass es mir an einem ganz schlimmen Tag plötzlich „egal“ sein könnte. Angst davor, dass ich völlig die Kontrolle verliere. 

Also sprach ich mit meinem Freund, erzählte ihm, dass ich mich für eine stationäre Therapie interessieren würde. Ich glaube, er war erleichtert, denn er kam seit Wochen nicht mehr an mich ran. Dann ging es sehr schnell: Eine Email an meine Therapeutin, sie rief mich sofort an, ich musste versprechen keinen Suizid zu planen. Da ich das wirklich nicht tat, war das zumindest kein Problem. Dass sie aber spürbar besorgt war, verunsicherte mich. Auch meine neue Therapeutin, bei der ich zwischenzeitlich den ersten Termin hatte war besorgt, auch ihr musste ich das Versprechen geben. Wenige Tage später hatte ich zwei Einrichtungen vorgeschlagen bekommen. Eine der Kliniken in direkter Nähe, eine in Graubünden, etwa 2 Stunden Autofahrt entfernt. Die Klinik in der Nähe hatte weder Zeit für ein Vorgespräch, noch für eine Aufnahme, also ging es am 14. August nach Cazis im wunderschönen Bündnerland. Die ersten Momente auf dem Klinikgelände waren surreal. Ich weiss noch, dass ich Nathalie – eine meiner späteren Mitpatientinnen – sah und mich fragte, ob sie wohl Patientin oder Besucherin ist. Wer hätte geahnt, dass unsere Kinder wenige Monate später wie Brüder wären. Das psychologische Vorgespräch zog mir den Boden unter den Füssen weg. Mir wurde bewusst, wie schlimm es war. Das erste Mal wurde mir das richtig bewusst. Mein Freund und mein Sohn spielten auf dem Spielplatz, während ich entscheiden sollte, ob ich in die Klapse* gehe. Kein Mensch kann sich das vorstellen, keiner. Ich weiss noch so genau, wie ich mich fühlte, als ich zum Spielplatz kam: Carl war in der Schaukel eingeschlafen und mein Freund machte lächelnd Fotos von ihm, weil er so niedlich aussah. Ich weinte. Bitterlich. Denn im Gespräch wurde klar, dass ich nicht wie gedacht 3-4 Wochen bleiben sollte, sondern 6-8 Wochen. Am Ende wurden es neun Wochen, ich bin dankbar für jeden einzelnen Tag. Dieser Ort wurde mein Zuhause, fremde Menschen wurden Familie und dieser Ort wird immer eine ganz wichtige Rolle in meinem Leben spielen. Dieser Ort hat mich zu mir finden lassen und mich heilen lassen. 

*ich darf das so nennen. Du nicht.

Fortsetzung folgt.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s